Die Fazenda in Berlin mit Schafen auf der Wiese als Zeichen für Barmherzigkeit

Wer braucht Gott am meisten?

Diesen Sonntag hören wir im Evangelium, dass Jesus den Zöllner Matthäus zur Nachfolge auffordert und bei ihm zum Essen einkehrt (Mt 9,9-13). Dass Jesus bei einem Sünder einkehrt, spricht sich schnell herum. Schließlich kommen viele andere Zöllner und Sünder zum Essen dazu. Die Pharisäer sind darüber empört. Jesus erwidert ihnen, dass nicht die Gesunden, sondern die Kranken ihn, den Arzt, brauchen. Außerdem ruft er zur Barmherzigkeit auf.

Mich, Silke, erinnert dieses Bild immer wieder an unsere Besuche auf der Fazenda Gut Neuhof in der Nähe von Berlin. Dort haben Drogenabhängige, die teilweise schon viele Straftaten in Zusammenhang mit ihrer Sucht begangen haben, in einem christlichen Umfeld die Möglichkeit, von der Sucht wegzukommen. Wenn wir dort sind, essen wir mit den Männern zusammen Mittagessen. Mir kommt es so vor, dass Jesus die Männer einlädt. Ich bin immer wieder berührt von den Verwandlungen der Männer im Laufe der Zeit dort. Sie kommen zur Ruhe, finden auch durch Gebet und Besuch der Heiligen Messe neue Orientierung. Sie entwickeln neue Perspektiven für ihr Leben und haben die Chance, heil/ gesund zu wurden. Dabei ist das Leben auf der Fazenda mit körperlicher Arbeit und ein Jahr ohne Alkohol, Zigaretten und Fernsehen teilweise echt hart.

Mich berühren die Begegnungen mit den Männern dort sehr. Ich erlebe, wie dringend sie Jesus brauchen. Gedanken über deren kriminelle Vergangenheit versuche ich auszublenden. Ich bin gerne mit ihnen zusammen. Es fallen die Masken, auch meine eigenen. Es entsteht ein Raum für offene ehrliche Begegnungen. Ich kann auch zu mir und meinen Fehlern/ Sünden stehen. Gleichzeitig habe ich größte Hochachtung für all die Männer, die sich für den Weg der Umkehr entscheiden.

Mich, Rolf, hat der letzte Satz des Sonntagsevangeliums berührt. „Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ Viele empfinden, dass die Welt immer schlechter und schwieriger wird. Es gibt so viele Menschen, die so vieles falsch machen. Sünder gibt es also genug auf dieser Welt. Warum schaffen wir es dann als Kirche nicht, diese Sünder in die Kirche zu rufen? Stattdessen werden die Kirchen leerer und einige sogar geschlossen. Ich bin sehr betrübt, wenn ich sehe, wie viel Energie in unseren Gemeinden mit Diskussionen über Standortschließungen verbraucht wird. Es erfüllt mich mit Schmerzen, wenn wegen dieser Diskussionen Gemeinden Schaden nehmen. Und ich bin hilflos, ohnmächtig und niedergedrückt diese Entwicklung zu erleben. Wie muss sich Kirche ändern, um einladend auf die Sünder zu wirken? Wie müssen wir uns ändern – denn auch wir sind Kirche – damit Grenzen überwunden werden können und Menschen sich von dem Christentum angesprochen fühlen. Das Beispiel der Fazenda, von dem Silke oben berichtet hat, zeigt, dass es möglich ist, verloren geglaubte Menschen für Gott zu begeistern.

Fragen zum Austausch

  • Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich erlebt habe, dass „Sünder“ in die Gemeinschaft mit Gott eingeladen wurden. Beschreibe die Situation kurz. Wie hast Du Dich damals gefühlt? Wie fühlst Du Dich heute, wenn Du auf die Situation rückblickend schaust?
  • Ich versetze mich in die Situation von dem Zöllner Matthäus. Wie fühle ich mich, wenn Jesus zu mir kommt? Wie fühle ich mich, wenn ich zur Nachfolge aufgefordert werde?

Herzliche Grüße aus Berlin-Spandau
Silke Bährens und Rolf Schudlich

Foto: © Silke Bährens

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