Es ist nicht zu übersehen: ein kräftiges Abendrot, Nebelschwaden am Morgen, kühlere Temperaturen – nach einem sehr heißen Sommer ist der Herbst angekommen. Der Herbst ist auch die Zeit des Abschiednehmens, Abschied vom Sommer, Abschied von den blühenden Blumen, dem Laub der Bäume, den warmen Temperaturen.
Ich denke: Die Wälder färben sich bereits, doch dem ist (noch) nicht so, es sind die vertrockneten Blätter und Pflanzen, die uns der Hitzesommer beschert hat. Wir haben erhebliche Teile unserer Hecke und etliche Pflanzen im Garten verloren. Ich, Paul spüre Enttäuschung und Trauer darüber.
In den Exerzitien der ME-Gemeinschaft in Schmitten, Taunus, haben wir uns auch mit dem Sonnengesang des hl. Franziskus beschäftigt. Franziskus lobt die ganze Schöpfung: Sonne, Mond und Sterne, Wasser und Erde und auch am Ende den Tod.
Die Schwester Tod (im italienischen ist der Tod weiblich) wird uns empfangen und wir müssen uns nicht davor fürchten. Denn wir haben die Chance, das Sterben einzuüben, jeden Tag.
Jedes Mal, wenn etwas zu Ende geht, jedes Mal, wenn es einen Abschied gibt, sterben wir den „kleinen Tod“. Und die Erfahrung dieser vielen kleinen Tode, kann uns auf den leiblichen Tod vorbereiten.
Wenn etwas Neues beginnt, endet etwas anderes. Wir können mittlerweile auf viele Lebensabschnitte zurückschauen, in denen etwas enden musste, damit etwas Neues beginnen kann.
Der Abschied vom Berufsleben ist bei mir, Marianne, noch nicht lange her. Er war erwartet, er war willkommen und trotzdem ist ein Abschied gewesen mit allem, was dazu gehört, Trauer, die Unsicherheit. Mir fehlen die Kollegen, die Teamarbeit, die Tagesstruktur, die Fortbildungen und Anregungen. Das schmerzt durchaus. Aber ich genieße auch die neue Herausforderung, meinen Alltag selbst zu strukturieren, die gemeinsamen Zeiten mit Paul zu gestalten, meinen Interessen und Begabungen nachzugehen. Dabei unterstützt mich Paul durch den Austausch miteinander, die gemeinsamen Überlegungen und das gemeinsame Suchen, wie sich nun unser gemeinsames Leben gestaltet.
Mir hilft es sehr, die bisherigen Abschiede anzuschauen und auch darin zu erkennen, welche neuen Erfahrungen sie mir gebracht haben – manchmal auch sehr schwierige – aber wie sie aufgehoben waren in der Beziehung zu Paul und auch in meinem Glauben. Das ermutigt und stärkt mich für die kommenden Abschiede, für die kommenden „kleinen Tode“. Bei jedem dieser Abschnitte ließ ich Vertrautes zurück und begegnete einer neuen Lebenswirklichkeit.
Wenn ich selbst etwas beende, um Neues zu beginnen, dann kann ich das Alte gut hinter mir lassen und freue mich auf das Neue. Aber alles Neue bedeutet auch Unsicherheit, Zweifel, Sorge …
Bei mir, Paul, war es meine Arbeitslosigkeit, die mich damals fast in ein Loch fallen ließ. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, zudem die Kündigung mich ohne Vorwarnung getroffen hat. Ich war zutiefst enttäuscht, denn ich war voller Ideen und voller Begeisterung dabei. Ich erlebte das, wie ein unfaires Foul, mit einem Seitenhieb aus der Bahn geworfen zu werden. In dem wie ich war, wurde ich nicht angenommen, und das schmerzte mich sehr. Die finanziellen Sorgen machten sich breit, wie soll das gehen, wie schaffen wir das als Familie? Mein Arbeitsleben, wie ich es kannte und mir aufgebaut hatte, war von einem Moment auf den anderen weg! Meine Gefühle fuhren Achterbahn: Wehmut, Selbstzweifel, Unsicherheit, auch Wut und Verzagtheit sind dabei. Es ging ums Loslassen, und das brauchte etwas Zeit.
Dagegen ist die Hecke, von der ich mich verabschiede, eine Kleinigkeit. Und doch merke ich, wie diese Tatsache etwas mit mir macht: Der gewohnte und liebgewonnene Blick in den Garten hat sich verändert. Ich spüre Trauer über diesen Verlust.
Wenn mir diese Erfahrungen bewusst werden, erlebe ich neben der Trauer, dem Schmerz, der Enttäuschung …, im Nachhinein auch die Freude und den Stolz diese Erfahrungen gemacht zu haben und gereift zu sein. Daraus nährt sich die Freude über ein Leben in Fülle, dem Reich Gottes. Ich befinde mich im vierten Quartal meines Lebens, ich brauche mich nicht mehr zu beweisen, oder den vielfältigen Optimierungsbestrebungen nachzugeben. Dabei bin ich sehr dankbar über die Wegbegleitung von Marianne und vielen treuen Weggefährten.
Besinnungsfrage:
Welche Ereignisse spielten in meinem Leben eine Rolle und ließen mich wachsen und reifen?
Dialogfrage:
Welche Gefühle nehme ich wahr, wenn mir meine Abschiede, meine `kleinen Tode’ im Laufe meines Lebens bewusst werden?
Was ermutigt mich, dem Leben und Gott zu vertrauen? Welches Gefühl ist am stärksten, wenn ich Dir das schreibe?
Herzlich Shalom
Marianne und Paul
Foto: © Ansgar-Baumann in pfarrbriefservice.de

