Archiv der Kategorie: Corona-Erfahrungen

Wie verschiedene Leute die Corona-Krise erleben

Aufgesammeltes von den Straßen, Ecken und Wegen, aus Gesprächen, Sendungen, Zeitungen....

Eine Ehefrau:

Es war nicht einfach für mich und meinen Mann, Tag für Tag ohne die Distanz bei der Arbeitszeit zusammen zu sein. Die ersten Tage fanden wir beide es noch schön, es war wie Urlaub, doch mit der Zeit begannen wir uns, aneinander zu reiben, und es war manchmal unerträglich. Da war es gut, dass jeder auch für sich mal einen Spaziergang machte. Ich frage mich: Sind wir als Paar nicht dafür geschaffen, so dauerhaft zusammen zu sein? Muss ich mir da wegen der Rentenzeit Gedanken machen?

Ein Priester:

Es ist schon merkwürdig, hl.Messe zu feiern ohne ein sichtbares Gegenüber, außer dem Küster, dem Organisten, einer Lektorin, die dabei sind. Mir ist aber dadurch deutlich geworden, dass auch eine Messe ohne Volk eine Messe für das Volk, für meine Brüder und Schwestern im Glauben ist. Sie ist schon den Menschen gewidmet, lange bevor ich sie ihnen von mir aus widme. Ich tue in dieser Coronazeit einen genuin priesterlichen Dienst. Und im Grunde bin ich nicht allein: denn geistlich ist die ganze Kirche auf Erden da und auch die Kirche der Vollendeten, die Kirche des Himmels ist anwesend. So feiere ich Messe immer mit ganz vielen Menschen, ganz gleich, wie viele real anwesend sind.

Kinder sagten (Dennis und Michael):

Als es hieß „Die Schulen werden geschlossen“ fanden wir beide das ganz toll. Endlich mal lange Ferien. Doch inzwischen ist es uns langweilig geworden. Keine Freunde oder Freundinnen treffen, das ist total doof. Wir freuen uns jetzt schon darauf, dass die Schule bald wieder beginnt.

Ein Mann:

In diesen Wochen verordneter Ruhe, wo ich nicht zum Dienst muss und auch zuhause nichts tun soll, ist mir deutlich geworden, wie sehr ich mein Leben von meinem Beruf her definiere. Aktiv sein, handeln, etwas tun: das hat mich bisher bestimmt. Ich arbeite – also bin ich! Dieses Motto stand unausgesprochen über meinem Leben und trieb mich an. Deshalb ging es mir in den ersten Wochen verordneter Zwangspause gar nicht gut. Erst jetzt komme ich langsam zur Ruhe. Und ich bin jetzt auch dankbar, für diese Erfahrung. Ich hoffe, dass sich das ausprägt, wenn die Mühle wieder los geht.

Eine Frau sagte:

Lange war ich nicht mehr in der Kirche gewesen, sonntags nicht, und auch nicht so, tagsüber, mal in eine Kirche reingehen, eine Kerze anzünden, das war nicht. Als die Corona-Krise begann, hatte ich den Impuls, mal wieder am Sonntag in die Messe zu gehen. Aber da stand ich vor verschlossenen Türen. So bin ich die Woche über mal öfter in eine leere Kirche gegangen und habe die Ruhe und Stille dort genossen. Auf einmal kam mir Gott wieder näher, ich fand einen Zugang zu einem Gebet, noch sehr unfertig und stammelnd. Aber das hat mir viel Trost gegeben.

Eine Kassiererin an der Supermarktkasse:

Ich erlebe von den meisten Kunden starken Respekt, weil ich mich an einer besonders gefährdeten Stelle einer möglichen Infektion aussetze......Manch einer sagt mir auch wertschätzend, wie toll er das finde, wenn ich da sitze und mithelfe, dass Leute einkaufen können. Ich habe auch keine Angst vor der Ansteckung. Die Plexiglasschutzwand schützt schon ganz gut, so denke ich. Mir tut es gut, zu hören, dass meine Arbeit von den Leuten geschätzt wird. Das erfährt man ja sonst eigentlich nicht....

Eine gestresste Mutter:

Das ist schon höchste Beanspruchung, alle drei Kinder den ganzen Tag im Haus zu haben. Das bedeutet für mich: keine Pause zu haben in dem Streß, der sich dadurch zwischen den Kindern entwickelt, Streit, Neid und kleinere Schlägereien. Und das kommt volle Kanne auf mich runter, und zieht mich auch runter. Abends kommt mein Mann nach Haus und kann kaum nachvollziehen, was ich den Tag über ausgehalten habe. Ich fand darum dieses Bonmot passend und lustig: Schneller als die Forscher, werden Eltern einen Corona-Impfstoff finden, damit nur ja bald wieder die Schule beginnt.

Ein Ehepaar:

Wir haben die Zeit, in der wir den ganzen Tag über zusammen sein sollten oder mussten (wir hatten eine 14tägige Quarantäne) sehr genossen. Wir haben gespürt, dass wir mit Hilfe des Dialogs die Unebenheiten dieses Aufeinandergeworfenseins gut meistern konnten. Wir haben eine richtig friedliche Zeit gehabt und haben sie jetzt auch noch. Erstaunlich, wie solch ein bedrohlicher Virus diese Nebenwirkung haben kann. Wir sind uns in diesen Tagen näher gekommen.

Ein Küster:

So eine ruhige Karwoche und solch ruhige Ostertage habe ich noch nicht erlebt. Wo sonst höchste Beanspruchung war, gab es diesmal nur wenig zu tun. Das hätte mir gefallen sollen, doch das tat es nicht. Mir wurde klar, wie wichtig mir doch die Gottesdienste der Karwoche waren. Wir haben sie zwar alle gefeiert, doch da fehlte vieles: Empfindungen, Menschen.... Es war alles merkwürdig cool, nüchtern. Ich werde das alles noch viel mehr in Ehren halten, demnächst, es schätzen.... Ich hätte lieber wieder mehr gearbeitet und „Streß“ gehabt, als das......

Eine Erzieherin im Kindergarten:

.....ich werde hin und wieder im Kindergarten gebraucht, je nachdem, wie viele Kinder von „systemrelevanten“ Leuten kommen. Ansonsten bin ich weitgehend zu Hause, gehe auch nicht viel unter Leute, weil ich „clean“ bleiben möchte, für mich und „meine“ Kinder im Kindergarten. Es ist eine außergewöhnliche Zeit....viel Zeit zum Nachdenken.

Eine Pflegerin im Krankenhaus:

Ich bin ziemlich kaputt. Nicht nur die Überstunden machen es, sondern die intensive Zuwendung, die Patienten jetzt brauchen, die vom Virus befallen sind. Diese intensive und wichtige Zuwendung nimmt sehr viel Energie in Anspruch. Zuhause angekommen erfahre ich mich wie gerädert. Und trotzdem: es ist ein frohes Gefühl in mir, weil ich meinen Sachverstand und meine Hände einsetzen kann, um andere über den Berg zu bringen. Das war auch die Motivation für mich, diesen Beruf einmal zu ergreifen. Doch jetzt wird es mir noch viel klarer, dass ich da am richtigen Platz bin.

Eine junge Frau:

Mir ist durch die Coronakrise (ein kleiner Virus bringt die ganze Welt unter Bedrohung!) so richtig klar geworden, wie wenig das stimmt, was ich zuvor gedacht habe. Ich lebte so dahin, war mir meinerselbst, meines Besitzes, meiner Möglichkeiten als der total freie und starke Mensch sicher. Ich lebte, als wäre ich unsterblich, unverletzlich. Und jetzt habe ich erleben müssen, wie von jetzt auf gleich sich die Situation völlig umdreht, ins Gegenteil. Ich bin nachdenklich geworden und möchte dieser Erfahrung gerne nachgehen.

Ein Großelternpaar:

Uns macht es sehr traurig, unsere Kinder und Enkelkinder schon wochenlang nicht mehr so richtig gesehen zu haben. Gesehen zwar durch Videokonferenz. Diesen Segen schenken ja die neuen Medien. Aber „sehen“ im Sinne von „berühren, nahe sein“, das geht uns ab und tut uns weh. Das fehlt uns.

Ein Pfarrer:

Die leere Kirche bei der Messe hat mich urplötzlich zu dem Gedanken inspiriert: Ja, wenn es mit der Situation des Glaubens in unserem Land so weitergeht, werden wir eines Tages wirklich vor leeren Kirchen stehen, auch ohne den Virus Corona. Ein anderer Virus breitet sich nämlich längst in unserem Land aus; der Virus der Gottlosigkeit, und unter Getauften der Virus „Kirche links liegen lassen!“ Auch der Eindruck des riesigen, aber leeren Petersplatzes in Rom, als der Papst den Segen spendete, hat das bei mir verstärkt. Soll das – muss das wirklich so weit kommen? Ich habe ein klein wenig Hoffnung, dass die Menschen ins Nachdenken kommen.

Platz für eure Erfahrungen

Ihr habt andere, eigene Erfahrungen gemacht? Dann bitten wir euch, diese einzusenden, damit sie auch hier zu lesen sind. Die können hier veröffentlicht werden. Bitte sendet sie uns mit Hilfe des Kontaktbriefes zu. Danke!
Waltraud und Wilfried mit Konstanze und Wieland

Bild: Konstanze und Wieland